Ärzte 0. Content Creator 1.

Wir wollen mündige Patienten. Menschen, die Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen. Eigentlich. Denn spätestens wenn man beim Arzt sitzt und ein bisschen zu viele Fragen stellt, kann aus „Eigenverantwortung“ erstaunlich schnell „Wo haben Sie das denn gelesen?“ werden. Wir wollen informierte Patienten. Nur manchmal offenbar nicht ganz so informierte. Genau da saß ich vor Kurzem.

Ich wollte bei meinem Arzt bestimmte Blutwerte bestimmen lassen. Keine wilde experimentelle Diagnostik. Selbstzahlerbasis – wusste ich, wollte ich trotzdem machen. Dennoch wurde von mir verlangt, erst mal einen zehnminütigen Monolog darüber zu halten, warum ich diese Werte überhaupt wissen möchte. Also habe ich meiner Community die Frage gestellt: Warum ist es teilweise so schwer, Untersuchungen zu bekommen, wenn man sich aktiv mit seiner eigenen Gesundheit auseinandersetzen möchte?

1,5 Millionen Views und über tausend Kommentare später erzählten Menschen von erstaunlich ähnlichen Erfahrungen. Von Beschwerden, mit denen sie mehrfach beim Arzt waren. Von dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Von Untersuchungen, um die sie betteln mussten. Manche berichteten sogar von Erkrankungen, die ihrer Aussage nach erst sehr spät erkannt wurden. Natürlich ist eine Instagram-Kommentarspalte keine randomisierte kontrollierte Studie. Aber wenn sehr viele Menschen unter einem Video anfangen, nahezu dieselbe Erfahrung zu erzählen, würde ich zumindest einmal hinhören. Denn auch wenn Kommentare keine Evidenz für medizinisches Fehlverhalten sind, können sie ziemlich deutlich auf etwas anderes hinweisen: einen Pain Point. Und der scheint größer zu sein als die Frage nach ein paar Blutwerten. Menschen wollen ihre Gesundheit zunehmend verstehen – und fühlen sich dabei erstaunlich oft allein gelassen.

„Alles unauffällig.“ Schön. Mir geht’s trotzdem nicht gut.

Und ich glaube nicht, dass Ärzte morgens aufstehen und beschließen, heute möglichst wenige Patienten ernst zu nehmen. Im Gegenteil. Wir haben ein Gesundheitssystem, in dem hochqualifizierte Menschen unter enormem Zeitdruck komplexe Entscheidungen treffen müssen. Ein Arzttermin ist nicht dafür gebaut, noch gemütlich 45 Minuten darüber zu sprechen, warum Schlaf, Bewegung, Stress, Ernährung, soziale Beziehungen und psychische Belastung miteinander interagieren. Denn die Fragen verschwinden nicht, weil im Termin keine Zeit dafür ist.

Der Patient geht nach Hause. Und öffnet Instagram. Willkommen im medizinischen Wilden Westen. Dort bekommt er dann definitiv eine Antwort. Vielleicht sogar 17. Schlechter Schlaf? Cortisol. Müde? Cortisol. Bauchfett? Cortisol. Um 15 Uhr kurz genervt von der Kollegin gewesen? Vermutlich auch Cortisol.

Social Media hat zweifellos ein Qualitätsproblem, wenn es um Gesundheit geht. Studien werden verkürzt, Korrelationen zu Kausalitäten erklärt und aus einem komplexen biologischen Mechanismus wird in 30 Sekunden ein „3 signs your hormones are DESTROYED“. Und Algorithmen haben leider keine Approbationsordnung. Sie belohnen nicht automatisch die differenzierteste Aussage. Sie belohnen erst einmal die, bei der wir nicht weiterscrollen. Ich verstehe also, warum Ärzte bei Health Content Creatorn teilweise erst mal Myokymie – oder eben unkontrolliertes Lidzucken – bekommen. Das Problem beginnt für mich dort, wo aus berechtigter Skepsis eine Generalisierung wird. Health Content Creator ist keine Qualifikation. Aber eben auch keine Diagnose mangelnder Qualifikation.

Unter ihnen befinden sich Ärzte, Psychologen, Ernährungswissenschaftler, Physiotherapeuten, Menschen aus Pflege- und Gesundheitsberufen und andere fachlich ausgebildete Personen, die etwas können, wofür im klassischen Gesundheitssystem oft erschreckend wenig Zeit bleibt: übersetzen. Und vielleicht unterschätzen wir, wie wichtig genau diese Kompetenz geworden ist. Denn medizinisches Wissen kann fachlich vollkommen korrekt sein und trotzdem beim Menschen nicht ankommen.

Ein Arzt muss eine Erkrankung erkennen, Differentialdiagnosen berücksichtigen, Risiken abwägen, behandeln und wissen, wann etwas wirklich gefährlich wird. Muss dieselbe Person mir zusätzlich ausführlich erklären, warum regelmäßiger Schlaf relevant ist, wie Bewegung meine psychische Gesundheit beeinflusst, warum chronischer Stress sich körperlich bemerkbar machen kann und weshalb ich nicht jeden einzelnen Biomarker meines Körpers optimieren muss? Vielleicht nicht. Vielleicht liegt genau hier eine riesige Chance. Denn gute Health Content Creator können Menschen zwischen Arztterminen erreichen.

Sie können aus „Schlafen Sie ausreichend“ erklären, was ausreichender Schlaf eigentlich bedeutet und warum wir ihn brauchen. Sie können aus „Versuchen Sie, Stress zu reduzieren“ etwas machen, das ein Mensch tatsächlich in seinen Dienstagmorgen integrieren kann. Sie können Prävention interessant machen, bevor sie dringend wird. Und sie können Gesundheitskompetenz aufbauen, für die in einer Arztpraxis schlicht nicht immer Raum ist. Das ersetzt keine medizinische Versorgung. Es ergänzt sie.

Aber wir Health Content Creator müssen uns auch an die eigene Nase fassen. Die Brücke funktioniert nämlich nur, wenn wir aufhören, so zu tun, als wäre ein gut performendes Reel automatisch eine medizinische Fortbildung. Reichweite ist kein Qualitätsmerkmal. Und ein viraler Hook wird nicht dadurch evidenzbasiert, dass „Studien zeigen“ davorsteht. Wer über Gesundheit spricht, trägt Verantwortung. Wir müssen unterscheiden können zwischen persönlicher Erfahrung und Evidenz. Zwischen „kann unterstützen“ und „heilt“. Zwischen einer interessanten Studie und wissenschaftlichem Konsens. Und vielleicht am wichtigsten: Wir müssen wissen, wann unsere Kompetenz endet. Ich arbeite beispielsweise mit Breathwork und Nervensystemregulation. Ich halte diese Arbeit für unglaublich wertvoll. Trotzdem ist nicht jede Erschöpfung ein dysreguliertes Nervensystem. Nicht jede unangenehme Emotion ein Trauma Response. Und manchmal braucht jemand kein Breathwork. Manchmal braucht jemand einen Arzt. Diese Grenze macht Health Content nicht weniger interessant. Sie macht ihn glaubwürdig.

Und die Medizin?

Sollte im Gegenzug vielleicht anerkennen, dass Patienten heute anders mit Gesundheit umgehen. Menschen tracken ihren Schlaf. Lesen Studien. Hören Podcasts. Kennen ihre Blutwerte. Googeln Symptome – Letzteres gelegentlich mit dem Ergebnis, dass sie entweder völlig gesund sind oder noch ungefähr zwölf Monate zu leben haben. Natürlich entsteht daraus auch Unsinn. Aber hinter diesem Verhalten steckt etwas, das wir eigentlich begrüßen sollten: Menschen interessieren sich für ihre Gesundheit.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger Energie darauf verwenden, uns darüber aufzuregen, dass Menschen Gesundheitsinformationen im Internet suchen – und mehr darauf, dafür zu sorgen, welche sie dort finden. Denn dieses Informationsvakuum existiert bereits. Und wo ein Vakuum entsteht, entsteht auch ein Markt. Wenn seriöse Stimmen diese Lücke nicht besetzen, tun es eben andere. Die mit dem besseren Hook. Der einfacheren Antwort. Oder dem Supplement, das zufällig direkt unter dem Reel verlinkt ist.

Dabei könnte eine ziemlich simple Arbeitsteilung entstehen: Ärzte diagnostizieren und behandeln. Qualifizierte Health Content Creator übersetzen, erklären, sensibilisieren und begleiten. Und beide wissen, wo ihre Grenze liegt. Win-win.

Vielleicht ist Instagram also gar nicht das eigentliche Problem.

Wir können Menschen weiterhin sagen, sie sollten ihre Gesundheitsinformationen nicht auf Social Media suchen. Sie werden es trotzdem tun. Die spannendere Frage lautet deshalb: Was finden sie dort, wenn sie suchen? Jemanden, der ihnen erklärt, dass drei Supplements ihr komplettes Hormonsystem reparieren? Oder Menschen, die wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich machen, Unsicherheiten benennen und ein offenes Ohr für die grundlegenden Fragen haben?

Vielleicht gibt es eine Zukunft, in der Ärzte sagen: „Da gibt es diesen Health Content Creator, der dir super erklären kann, wie du deinen Alltag umgestalten kannst, um dein Stressmanagement zu verbessern.“ Und Health Content Creator, die sagen: „Geh damit bitte mal zu deinem Arzt.“ Vielleicht brauchen wir ein Gesundheitssystem, das Kompetenzen ergänzt, statt sie automatisch als Konkurrenz zu betrachten. Denn zwischen einem zehnminütigen Arzttermin und einem 30-sekündigen Reel liegt aktuell eine ziemlich große Lücke. Und solange wir sie nicht gemeinsam schließen, wird sie irgendjemand anderes füllen.

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Vanessa Hutter