Eine Glosse zum Ein- und Ausatmen

Neulich stand ich auf einer Bühne, die derart groß war, dass selbst mein Handy kurz dachte, wir wären international unterwegs und vorsorglich „Roaming aktiviert“ anzeigen wollte.

Das Publikum: Politiker. Vorstände. Gesundheitsexperten. Und diverse Menschen, die offiziell noch unser Gesundheitssystem repräsentieren, obwohl dieses System längst aussieht wie jemand, der seit drei Jahren versucht, mit letzter Kraft einen Wasserschaden aufzuhalten.

Großes Thema. Fachkräftemangel. Wobei man ehrlich sagen muss, Mangel klingt inzwischen fast zu niedlich. Wir reden hier nicht mehr über kleine personelle Engpässe. Wir reden über ein System, das bereits sichtbar auf dem Zahnfleisch läuft und trotzdem jeden Morgen wieder geschniegelt zur Arbeit erscheint wie ein deutscher Mittelständler kurz vor dem Burnout. Und zwar in genau den Berufen, die unsere Gesellschaft tatsächlich am Leben halten: Pflege. Medizin. Erziehung. Also Menschen, die nachts wach bleiben, andere versorgen, Leben retten und dafür am Monatsende ein Gehalt bekommen, das in manchen Beratungsetagen ungefähr als „Spesen“ verbucht würde.

Der Wunsch der Veranstalter war, dass ich unser Konzept „Female Lifecycle Management“ spreche und an ein paar konkreten Cases demonstriere, wie sich nach der Integration Fluktuation und Fehlzeiten verringert haben.

Ich erzählte also auf der Bühne, wie Frauen gesünder, leistungsfähiger und langfristig stabiler arbeiten können, wenn Unternehmen endlich anfangen, die Lebensrealitäten und die weibliche Gesundheit tief in der Personalstrategie zu etablieren und was das genau mit Performance Kulturen zu tun hat.

Ich weiß. Für uns Frauen klingt das so logisch wie fließendes Wasser.

Aber dann kam er. Mister „Ich halte mich für wirtschaftlich hoch relevant und nicht austauschbar“.

Ego irgendwo zwischen DAX-Vorstand und Luxusfinca auf Ibiza. Sneaker mit dezent eingesticktem „911“ , leider nicht der Notruf. Er lehnte sich grinsend zurück und sagte: „Also, wenn ich mich jetzt auch noch um weibliche Hormone kümmern soll …“ Dieser Satz wurde übrigens in genau jenem Tonfall ausgesprochen, bei dem man innerlich sofort spürt…

Das Karma macht sich bereits Notizen.

Und während er weibliche Biologie noch für eine Art Lifestyle-Sonderwunsch hielt, erklärte er im nächsten Atemzug ernsthaft die Vorteile seiner neuen Mitarbeiter-App, in der Beschäftigte wöchentlich per Smiley anklicken dürfen, ob sie glücklich sind. Digitalisierte Kindertheater in ihrer schönsten Form.

Ich stellte ihm dann drei völlig harmlose Fragen. Soll ja helfen, um Menschen gelegentlich aus der Fassung zu bringen.

Wie hoch ist die Fluktuation aktuell in Ihren Häusern? Wer hat bei Ihnen eigentlich Elternzeit genommen — Sie oder Ihre Frau? Wie viele Stellen sind aktuell unbesetzt und wer kompensiert die Arbeit der fehlenden Menschen? Deutschland fehlen aktuell rund 1,8 Millionen Fachkräfte. Im Gesundheitswesen fallen Menschen reihenweise aus. Nicht nur Patientinnen und Patienten, auch die, die sich eigentlich um sie kümmern sollen. Burnout. Erschöpfung. Stille Kündigung. Fehlzeiten. Überlastung.

Das Gesundheitswesen besteht zum Großteil aus Frauen - die Systeme, Strukturen und Prozesse, in denen sie funktionieren, passen allerdings nicht zu ihren Lebensrealitäten.

Wir behandeln Care-Arbeit, Wechseljahre, Schwangerschaften oder Zyklus noch immer wie eine unangenehmen Hautauschlag in Hoffnung, dass man bitte möglichst diskret schweigt.

Dabei ist Female Lifecycle Management kein kurzzeitiger HR-Trend. Es ist die verdammte Rettungsweste für ein System, das bereits sichtbar Wasser schluckt. Die Frage ist also simpel. Wie lange verschließen wir noch die Augen, statt Strukturen und Gehaltskonzepte zu bauen, die Pflege auch in der gesellschaftlichen Anerkennung wieder attraktiv machen?

KI wird der Gesundheitsbranche sicherlich massiv helfen. Diagnostik. Prozesse. Dokumentation. Analyse. Verwaltung. Halleluja! Aber Menschen vollständig ersetzen? Zumindest aktuell bereitet mir allein der Gedanke schon leichtes Unbehagen.

Denn irgendwann landen wir zwangsläufig bei einer ziemlich unangenehmen Frage:

Was passiert eigentlich mit einer Gesellschaft, wenn der Mensch sich selbst zunehmend überflüssig macht?

Denn Arbeit ist eben nicht nur Einkommen. Arbeit ist Struktur. Identität. Selbstwert. Soziale Teilhabe. Und manchmal leider auch der letzte Grund, morgens überhaupt eine Hose anzuziehen. Gerade deshalb finde ich diese Vorstellung so gefährlich naiv, Technologie könne den Menschen einfach ersetzen und wir würden dann kollektiv in irgendeiner mediterranen Dauerentspannung landen.

Die meisten Menschen werden nicht glücklicher, wenn sie sich dauerhaft nutzlos fühlen. Sie werden orientierungslos.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Aufgabe unserer Zeit. Nicht Menschen ausschließlich durch Technologie zu ersetzen — sondern Technologie endlich intelligent genug einzusetzen, damit Menschen wieder menschenwürdiger arbeiten können. Gerade im Gesundheitswesen. Weniger sinnlose Überlastung. Weniger Bürokratie. Weniger Dauererschöpfung. Mehr Zeit für das, was echte Arbeit eigentlich ausmacht.

Nähe. Empathie. Verantwortung. Denken. Fühlen. Verbinden. Denn eine KI kann vielleicht Diagnosen schneller auswerten. Aber sie wird vermutlich noch sehr lange keine Hand halten, wenn jemand Angst hat.

Ich hoffe sehr, dass wir als Gesellschaft niemals an den Punkt kommen, an dem uns das egal wird. Ich darf unter meinen vielseitigen Aufgaben übrigens auch Teil der Health-i Jury sein. Eine hochrenommierte Auszeichnung für die besten digitalen Gesundheitsstartups, kuratiert von der Techniker Krankenkasse und dem Handelsblatt. Es ist mir eine Ehre und gleichzeitig eine große Freude zu sehen, welche Start-ups sich hier bewerben. Doch oftmals stehen Ihnen unglaublich komplizierte Zertifizierungen im Weg und trotzdem sind sie gewillt, diesen Weg zu gehen, der höchst Zeitintensiv ist. Es ist unglaublich inspirierend, weil dort Menschen sitzen, die nicht einfach nur Apps bauen wollen, die einem morgens sagen, wie viele Schritte man noch bis zum inneren Frieden laufen muss.

Sondern Menschen, die echte Probleme lösen.

Versorgung verbessern. Pflege entlasten. Diagnostik beschleunigen. Und das Gesundheitswesen endlich ins 21. Jahrhundert schieben wollen, notfalls gegen den Widerstand deutscher Bürokratie. Und während diese Start-ups mit beeindruckender Geschwindigkeit Innovationen entwickeln, laufen sie hierzulande regelmäßig frontal in regulatorische Prozesse, die sich ungefähr so dynamisch anfühlen wie ein Behördenflur um 14:37 Uhr.

Zertifizierungen. Prüfverfahren. Datenschutzschleifen. Genehmigungen. Manchmal sitzt man dort und denkt, die eigentliche Innovation wäre vermutlich, wenn überhaupt mal etwas schnell gehen würde….

Und trotzdem entstehen dort jedes Jahr Unternehmen, bei denen man sofort spürt, genau sowas braucht dieses Land.

Die Gewinner aus 2025 haben das ziemlich eindrucksvoll gezeigt.

Platz 1 ging übrigens an gc diagnostics mit ihrem „Igloo Pro Multireader“ und ganz ehrlich, ich fand das Ding sofort genial. Ein kleines Diagnostikgerät, das medizinische Schnelltests innerhalb weniger Minuten in Laborqualität auswerten kann. Digital. Datenschutzkonform. Und vor allem: schnell.

Denn genau das ist ja das eigentliche Problem.

Wir verlieren heute unfassbar viel Zeit durch Prozesse, Dokumentation, Warten und Personalmangel.

Und dann sitzt da plötzlich ein Unternehmen, das sagt, „Vielleicht sollten wir Diagnostik einfach intelligenter machen.“ Crazy Concept. Das „Igloo“ kann über 90 Prozent aller gänigen Schnelltests digital analysieren, direkt vor Ort in Praxen, Apotheken oder Gesundheitszentren. Also genau dort, wo Menschen Antworten brauchen.

Der zweite Platz ging an Inzipio. Ein Unternehmen, das mithilfe von KI medizinische Daten intelligenter analysiert und dadurch Prozesse deutlich effizienter machen kann. Also exakt die Art von Innovation, bei der man hofft, dass sie irgendwann mehr Zeit für Menschen schafft und weniger Zeit für Dokumentationswahnsinn.

Und auf Platz drei landete Admorai. Ein Start-up, das digitale Lösungen entwickelt, um Medikamententherapien präziser und individueller zu gestalten. Was erstmal technisch klingt, in Wahrheit aber bedeutet: weniger Fehlversorgung, bessere Behandlung und hoffentlich weniger Menschen, die irgendwann mit drei Medikamenten und fünf Nebenwirkungen gleichzeitig im Wartezimmer sitzen.

Und genau das liebe ich an diesen Unternehmen: Dort sitzen Menschen mit Ideen, Mut und echter Lösungskompetenz. Deutschland hätte eigentlich alles. Wissen. Forschung. Talent. Technologie. Was uns oft fehlt, ist nicht Innovation. Sondern die Geschwindigkeit, sie auch wirklich passieren zu lassen.

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Julia Neuen
Gründerin und CEO, Peaches