
Das System heilt nicht: Menschen tun es. Zeit, es neu zu bauen.
Was nützt Hightech, wenn sie nicht beim Menschen ankommt? Uwe Heckert bringt es im Gespräch mit 10xd auf den Punkt: Die Zukunft des Gesundheitswesens entscheidet sich nicht in Serverräumen, sondern im Alltag von Ärzten, Patientinnen und Patienten. Ob AI Factory, Robotik oder integrierte Versorgung – entscheidend ist der konkrete Mehrwert: präzisere Diagnosen, schnellere Hilfe, weniger Bürokratie und mehr Zeit für echte Zuwendung. Technologisch entsteht der Mehrwert für das Gesundheitswesen dort, wo souveräne Cloud, Interoperabilität, Security und klinische Prozesse zusammen gedacht werden. Ein Gespräch über Technologien, die nicht beeindrucken wollen, sondern Leben verbessern.
Redaktion 10xD: Herr Heckert, der Begriff „AI Factory“ klingt für viele abstrakt. Was bedeutet er konkret für Patientinnen und Patienten?
Uwe Heckert: Gute Frage – denn am Ende zählt nicht die Technologie, sondern der konkrete Nutzen für Menschen. Eine AI Factory sorgt dafür, dass KI kein isoliertes Experiment bleibt, sondern verlässlich im Alltag wirkt. Für Patientinnen und Patienten heißt das vor allem: bessere und schnellere Entscheidungen, und individuellere Behandlung. Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, eine Patientin kommt mit unspezifischen Beschwerden in die Notaufnahme. Heute hängt viel von Erfahrung und Zeit der Behandelnden ab. Mit einer AI Factory im Hintergrund analysiert ein System tausende ähnliche Fälle, kombiniert Bilddaten, Laborwerte und Anamnese – und liefert in Sekunden einen fundierten Einschätzungsvorschlag. Das reduziert Fehlentscheidungen und spart wertvolle Zeit. Entscheidend bleibt das Human-in-the-loop-Prinzip: Die KI priorisiert, strukturiert und unterstützt, die medizinische Entscheidung liegt im Behandlungsteam. Oder nehmen wir Krebsdiagnostik: KI kann Tumore früher erkennen und Therapien individueller vorschlagen. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das höhere Überlebenschancen und weniger belastende Behandlungen.
Genauso spannend ist die Einbindung von Wearables und anderen vernetzten Sensoren. Gesundheitsdaten entstehen dann nicht erst im Krankenhaus oder in der Arztpraxis, sondern kontinuierlich im Alltag. Veränderungen können früh erkannt und Patientinnen und Patienten gezielter begleitet werden. Dafür braucht es eine verlässliche Datenbasis über Systemgrenzen hinweg – von Bilddaten und Laborwerten bis hin zu Verlaufs- oder Vitaldaten.
Kurz gesagt: Die AI Factory ist der Motor. Wenn Plattform, Betrieb, Datenschutz und regulatorische Anforderungen zusammenspielen, wird die AI Factory moderne Medizin möglich machen – in der Breite skalierbar und damit gerechter und zugänglicher. Ich bin überzeugt: Wir sehen heute erst etwa fünf Prozent dessen, was künftig möglich sein wird.
Redaktion 10xD: Sie sprechen häufig über den Transfer von Industrieerfahrungen ins Gesundheitswesen, insbesondere bei Robotics und KI. Was haben Patientinnen und Patienten konkret davon?
Uwe Heckert: Enorm viel – und oft sehr direkt spürbar. Die Industrie hat gelernt, Prozesse effizient, fehlerarm und zuverlässig zu gestalten. Genau hier kann die Telekom Erfahrung aus hochverfügbaren, regulierten IT-Umgebungen in den Gesundheitskontext übertragen. Davon profitieren Patientinnen und Patienten auf drei Ebenen:
Erstens: Sicherheit. In der Industrie erkennen KI-Systeme kleinste Fehler. Übertragen auf die Medizin bedeutet das: KI kann Risiken reduzieren helfen, wenn sie validiert, integriert und überwacht. Also weniger Fehldiagnosen, weniger Medikationsfehler. Robotergestützte Operationssysteme, wie sie heute bereits eingesetzt werden, unterstützen Ärztinnen und Ärzte dabei, Eingriffe besonders präzise durchzuführen. In Zukunft wird die Kombination aus Robotik, KI und Echtzeitdaten diese Möglichkeiten noch einmal deutlich erweitern – immer mit dem Ziel, Eingriffe sicherer und individueller zu gestalten.
Zweitens: Entlastung des Personals. Pflegekräfte verbringen heute viel Zeit mit körperlich anstrengenden Aufgaben oder Logistik. Robotik kann hier unterstützen – etwa beim Patiententransfer oder bei der Versorgung. Für Patientinnen und Patienten heißt das: mehr Zeit für echte Zuwendung und Betreuung.
Drittens: Verfügbarkeit. Ein System, das in der Industrie rund um die Uhr läuft, bringt diese Logik auch ins Gesundheitswesen. Diagnostik, Monitoring oder Unterstützung sind 24/7 verfügbar – nicht nur, wenn gerade Personal da ist. Ein sehr konkretes Beispiel aus dem Alltag: Ein älterer Patient zu Hause wird durch Sensorik und KI überwacht. Stürzt er oder verschlechtert sich sein Zustand, wird automatisch Hilfe ausgelöst – noch bevor er selbst reagieren kann. Damit solche Szenarien funktionieren, müssen Sensorik, Alarmierung, Connectivity, Plattformanbindung und Versorgungsprozess Ende-zu-Ende integriert sein.
Redaktion 10xD: Kommen wir zur integrierten Versorgung. Für viele klingt das nach Strukturreform. Was bedeutet das für den einzelnen Menschen?
Uwe Heckert: Für Patientinnen und Patienten bedeutet integrierte Versorgung vor allem eines: keine lost moments mehr im System. Und für uns ist das vor allem eine Daten- und Prozessfrage: sicher, interoperabel und entlang der Patient-Journey organisiert. Heute erleben viele Menschen Brüche: Der Hausarzt weiß nicht, was im Krankenhaus passiert ist. Die Reha bekommt unvollständige Informationen. Patientinnen und Patienten müssen ihre Krankengeschichte immer wieder neu erzählen.
In einer integrierten, digitalen Versorgung sieht das anders aus. Der Mensch ist der Mittelpunkt. Alle Informationen laufen zusammen. Das heißt konkret: Es gibt nahezu keine Doppeluntersuchungen mehr, weil die Daten überall verfügbar sind. Die Übergänge zwischen ambulanter und stationärer Versorgung sind nahtlos. Es kann frühzeitig interveniert werden, weil die Daten kontinuierlich ausgewertet werden.
Ein Beispiel: Ein Diabetiker nutzt eine App, die kontinuierlich seine Werte misst. Diese Daten sind für den Hausärzte und -ärztinnen sowie Spezialisten und Spezialistinnen gleichzeitig sichtbar. Wird ein kritischer Trend erkannt, erfolgt automatisch - aber immer ärztlich validiert - eine Anpassung der Therapie. Ohne, dass der Patient in die Praxis muss.
Ähnliche Ansätze sehen wir zunehmend auch auf Intensivstationen. Mithilfe intelligenter Analysen können Patientinnen und Patienten zum richtigen Zeitpunkt auf die Intensivstation aufgenommen und ebenso zum optimalen Zeitpunkt wieder in eine andere Versorgungsstufe überführt werden. Nicht zu früh und nicht zu spät. In diesem Zusammenhang sprechen einige bereits von einer ‚Silent ICU‘: einer Intensivmedizin, die durch smarte Technologien vorausschauender, effizienter und zugleich patientenfreundlicher wird.
Und das alles bringt weniger Komplikationen, weniger Krankenhausaufenthalte und ein selbstbestimmteres Leben.
Redaktion 10xD: Das klingt nach einer deutlichen Verbesserung. Wo stehen wir aktuell auf diesem Weg?
Uwe Heckert: Wir stehen an einem Wendepunkt. Die Technologien sind da – KI, Vernetzung, Robotik. Was jetzt zählt, ist die Umsetzung im Sinne der Patienten und Patientinnen. Die nächste Etappe ist daher weniger eine einzelne App als vielmehr eine sichere Gesundheitsplattform, die Daten, KI, Security und Betrieb zusammenführt. Entscheidend ist, dass wir nicht technologiegetrieben denken, sondern nutzengetrieben. Jede Innovation muss sich daran messen lassen: Verbessert sie konkret das Leben der Menschen?
Ein Beispiel: Digitale Terminsteuerung. Klingt banal, hat aber enorme Wirkung. Wenn Patientinnen und Patienten schneller Termine bekommen, Wartezeiten sinken und Abläufe effizienter sind, steigt die Versorgungsqualität unmittelbar.
Gleichzeitig sollten wir uns bewusst machen, dass wir erst am Anfang stehen. Viele aktuelle Anwendungen zeigen bereits großes Potenzial, doch die eigentliche Transformation des Gesundheitswesens durch KI, vernetzte Datenräume und personalisierte Versorgung liegt noch vor uns. Und gerade scheinbar einfache Prozesse wie Terminsteuerung zeigen, dass digitale Services nur dann wirken, wenn sie in bestehende Klinik- und Praxisabläufe integriert sind.
Redaktion 10xD: Wenn Sie einen Wunsch für die nächsten Jahre formulieren könnten – wie würde die Gesundheitsversorgung aus Patientensicht aussehen?
Uwe Heckert: Sie wäre proaktiv, vernetzt und menschlich zugleich.
Proaktiv heißt: Krankheiten werden früh erkannt oder sogar verhindert. Dabei spielen Wearables und kontinuierliches Gesundheitsmonitoring eine wichtige Rolle. Gesundheitsdaten werden nicht nur punktuell erhoben, sondern begleiten Menschen im Alltag und helfen dabei, Risiken frühzeitig zu erkennen.
Vernetzt heißt: Informationen fließen ohne Barrieren.
Menschlich heißt: Technologie schafft Freiräume für echte Begegnung. Aber auch: Vertrauen herstellen - Patientinnen und Patienten müssen verstehen und steuern könne, welche Daten wofür genutzt werden.
Ich stelle mir ein System vor, in dem ein Patient nicht erst dann in Kontakt mit dem Gesundheitswesen kommt, wenn er krank ist, sondern kontinuierlich begleitet wird. Unterstützt durch KI, aber getragen von Menschen. Das Wichtigste ist dabei: Patientinnen und Patienten werden vom passiven Empfangenden zu aktiven Partnerinnen und Partner.
Redaktion 10xD: Herr Heckert, vielen Dank für diese konkreten Einblicke.
Uwe Heckert: Sehr gerne. Am Ende geht es nicht um Technologie, sondern um Vertrauen, Lebensqualität und bessere Gesundheit für alle. Technologie kann unterstützen, vorhersagen und Prozesse optimieren. Heilen werden jedoch immer Menschen. Unterstützt durch die bestmöglichen Werkzeuge. Genau deshalb müssen wir unser Gesundheitssystem konsequent vom Nutzen für Patientinnen und Patienten aus neu denken. Für uns heißt das: Technologie muss ‚trusted by design‘ sein – souverän, sicher, interoperabel und messbar nützlich für Versorgung und Personal.
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