
Der letzte Patient
Ihr Buchtitel heißt »Der letzte Patient«.
Wer ist damit gemeint?
Es gibt dazu zwei Lesarten. Die Erstere ist die düstere. In ihr meint der »letzte Patient« jenen Menschen, der zum allerletzten Mal einem Arzt aus Fleisch und Blut gegenübersaß, ehe er in die Prozesslogik einer durchautomatisierten Gesundheitsmaschine eingespeist wurde. In dieser Welt übernimmt der Algorithmus die Diagnose, um Personal zu sparen; Roboter pflegen, weil diese Dienstleistung unerschwinglich wird. Die Begegnung von Angesicht zu Angesicht verkommt zum Luxusgut für wenige Privilegierte. Übrig bliebe eine Medizin, die technologisch hochkompetent und zugleich seelisch verkümmert ist – der Sieg der Funktion über die Zuwendung.
Die zweite Lesart ist meine zuversichtliche Vision. In ihr meint der »letzte Patient« den letzten Menschen, der an einer Krankheit litt oder starb, die wir hätten verhindern können, den Letzten, den das Netz der Vorsorge nicht mehr rechtzeitig auffing. Gemeint ist auch der Letzte, der sich im System als bloße Nummer verloren fühlte. Das Wort »Patient« stammt vom lateinischen patiens, dem Leidenden, dem Duldenden. In dieser Zukunft verliert es seinen schicksalhaften Beiklang. Die Doppeldeutigkeit ist Absicht und die eigentliche These des Buches. Der Titel beschreibt zwei Zukunftsvisionen, zwischen denen wir uns entscheiden müssen.
Ihr Buch beschreibt den Wandel von einer Medizin, die Krankheiten heilt, zu einer Medizin, die Krankheiten verhindert. Warum ist das für unser Gesundheitssystem ein so radikaler Umbruch?
Weil er die Grundlogik unserer Versorgung umkehrt. Seit Menschengedenken bis heute arbeitet das System nach einem Muster, das ich »Find & Fix« nenne, und es funktioniert wie eine Feuerwehr: Wir warten, bis es brennt – bis der Schmerz, der Tumor, das Fieber Alarm schlägt, dann rücken wir aus und löschen. Darin sind wir glänzend, wir behandeln immer schonender und individualisierter. Nur brennen die großen Krankheiten unserer Zeit nicht lichterloh. Krebs, Diabetes, Demenz, verkalkte Gefäße – sie schwelen über Jahre lautlos vor sich hin, chronisch, und wenn die Flammen endlich sichtbar werden, ist das Gewebe oft längst zerstört. Predict & Prevent« kehrt dieses Paradigma um: Wir lassen das Feuer gar nicht erst entstehen. Diese Vision ist deshalb so radikal, weil daran fast jeder Pfeiler des Gesundheitssystems hängt. Prävention wird damit erst im Sinne vorausschauender Medizin möglich. Der tiefste Bruch aber ist ein kultureller. Eine Medizin, die heilt, nimmt das Schicksal hin. Eine Medizin, die verhindert, erklärt es für gestaltbar. Und in dem Augenblick, in dem Krankheit als abwendbar gilt, verschiebt sich etwas in unserem Zusammenleben. Dort beginnt die eigentliche Sprengkraft.
Wie verändert der Einsatz von künstlicher Intelligenz und Robotern das alltägliche Verhältnis und das Vertrauen zwischen Ärzten und ihren Patienten?
Auf Technik und Roboter kann ich mich bestenfalls verlassen: Dieses »sich verlassen auf« ist ein Zutrauen in eine Funktion. Vertrauen dagegen, ist eine gänzlich andere Dimension. Vertrauen, kann ich nur einem Menschen. Den Arzt trifft der Wandel zuerst. Über Jahrhunderte galt die Einsicht: Wer behandelt, versteht auch, wie und warum. Der Arzt wählte die Therapie, weil er den Wirkmechanismus durchdrungen hatte, und sein Wissen war die Quelle seiner Autorität. Diese Einheit zerbricht gerade. Wenn ein KI-System, gefüttert mit Daten über Millionen Fälle, eine bestimmte Behandlung empfiehlt, liegt der Rechenweg in den Tiefen eines digitalen, neuronalen Netzes, das kein menschliches Gehirn mehr nachvollzieht.
Wir befinden uns gegenwärtig in einer Art Transit. Das humane Prinzip müssen wir bewahren. Klug eingesetzt, geben uns KI und Robotik das Kostbarste zurück, was die Mangelverwaltung uns gestohlen hat: Zeit. Zeit für das, was keine Maschine je leisten wird: eine Hand zu halten, Angst zu nehmen, zu verstehen, was eine Krankheit für das Leben eines Menschen bedeutet und nicht nur für seinen Körper. Mein Schlusssatz fasst die Hoffnung zusammen: Lassen Sie uns dafür sorgen, dass der »letzte Patient« der alten Ära der erste Mensch einer neuen Medizin wird.
(https://hoffmann-und-campe.de/blogs/autoren/andre-nemat)