Mere-Exposure-Effekt: Warum uns manche Ideen plötzlich genial erscheinen

Stell dir folgende Situation vor: In einem Meeting wird eine neue Idee präsentiert. Die Reaktionen sind verhalten. Einige Wochen später taucht dieselbe Idee erneut auf. Diesmal klingt sie plötzlich deutlich überzeugender. Noch ein paar Wochen später scheint sie fast selbstverständlich.

Hat sich die Grundidee verändert? Wahrscheinlich nicht. Was sich aber verändert hat, ist unsere Vertrautheit mit ihr. Dahinter steckt ein psychologisches Phänomen, das als Mere-Exposure-Effekt bezeichnet wird.

Warum Vertrautheit Vertrauen schafft
Der Mere-Exposure-Effekt beschreibt die Tendenz, Dinge positiver zu bewerten, je häufiger wir ihnen begegnen. Das gilt für Menschen, Musikstücke, Marken, Ideen und sogar für Wörter oder Symbole. Psychologisch betrachtet spart unser Gehirn dadurch Energie. Vertraute Reize lassen sich leichter verarbeiten und wirken dadurch angenehmer. Was bekannt ist, fühlt sich oft sicherer an als das Unbekannte. Aus diesem Grund entwickeln wir häufig eine Vorliebe für Dinge, denen wir wiederholt begegnen. Selbst dann, wenn wir sie anfangs gar nicht besonders mochten.

Auswirkungen im Arbeitsalltag

Gerade im Berufsleben begegnet uns dieser Effekt häufiger, als wir denken.
Einige typische Beispiele:

In Meetings: Ideen, die mehrfach eingebracht werden, wirken oft überzeugender als neue Vorschläge - unabhängig von ihrer tatsächlichen Qualität.

Bei Präsentationen: Botschaften bleiben eher hängen und werden positiver bewertet, wenn sie regelmäßig wiederholt werden.

In Teams: Kolleg:innen, mit denen wir häufiger Kontakt haben, erscheinen uns oft sympathischer und kompetenter als Personen, die wir seltener sehen.

Bei Veränderungen: Neue Prozesse oder Arbeitsweisen stoßen anfangs oft auf Skepsis. Mit zunehmender Gewöhnung steigt jedoch häufig die Akzeptanz.

Wie wir den Effekt bewusst nutzen können

Der Mere-Exposure-Effekt ist weder gut noch schlecht. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Ein paar praktische Strategien:

1. Gib neuen Ideen Zeit: Nicht jede gute Idee überzeugt sofort. Manchmal braucht unser Gehirn einfach mehrere Begegnungen, um sich mit etwas anzufreunden.

2. Hinterfrage Vertrautheit: Frage dich gelegentlich: Finde ich diese Lösung wirklich gut oder kommt sie mir nur besonders bekannt vor?

3. Wiederhole wichtige Botschaften: Wenn du Menschen für eine Idee gewinnen möchtest, reicht ein einzelner Impuls oft nicht aus. Wiederholung schafft Vertrautheit und Vertrautheit schafft Akzeptanz.

Und ein Bonus-Gedanke: Der Mere-Exposure-Effekt erinnert uns daran, dass unsere Urteile nicht immer so objektiv sind, wie wir glauben. Oft beeinflusst allein die Häufigkeit eines Kontakts, wie wir Menschen, Ideen oder Entscheidungen bewerten.

Eine psychologische Beratung kann dabei helfen, eigene Denk- und Wahrnehmungsmuster besser zu verstehen. Denn wer erkennt, wie das eigene Gehirn arbeitet, gewinnt oft neue Perspektiven auf sich selbst und andere.

Quelle: Montoya, R. M., Horton, R. S., Vevea, J. L., Citkowicz, M., & Lauber, E. A. (2017). A re-examination of the mere exposure effect: The influence of repeated exposure on recognition, familiarity, and liking. Psychological Bulletin, 143(5), 459–498. https://doi.org/10.1037/bul0000085

Vorheriger Artikel Nächster Artikel
>> Warum Vertrautheit Vertrauen schafft. <<
Dr. Bernadette Frech
CEO bei Instahelp, der Plattform für psychologische Beratung online