
Warum (alle) Ärzte im Internet Geld verdienen müssen
Als ich 2018 als Medizinstudent mit Social Media angefangen habe, musste ich feststellen, dass die meisten Menschen meine Vision belächelt haben. Mein Anreiz dazu, mich trotz des Spotts in die Öffentlichkeit zu wagen, war mein Wunsch, meinen zweiten Traumberuf als Radiomoderator mit meiner medizinischen Tätigkeit zu verbinden. Geld habe ich in den ersten drei Jahren noch nicht verdient - ich hatte damals auch noch das Gefühl, dass das irgendwie böse ist. Aber heute finde ich, dass ein monetärer Anreiz grundsätzlich nichts Schlechtes ist und etwas Gutes bewegen kann.
Leider wird es Ärzten in Deutschland rechtlich sehr schwer gemacht, in den Sozialen Netzwerken Geld zu verdienen. Sie dürfen weder für medizinische Produkte noch für ihre eigene Tätigkeit werben. Auch Kooperationen sind schwierig und werden von der Öffentlichkeit mit Argwohn betrachtet. Aber wenn Ärzte im Internet kein Geld verdienen dürfen, dann können sie in diesem Bereich auch nicht arbeiten. Denn die meisten haben neben ihrer Tätigkeit im Krankenhaus oder in der Praxis gar keine Zeit, sich eine Social Media Präsenz aufzubauen. Ich konnte das früher noch mit meinem Studium vereinbaren, weil ich zu den ersten gehörte, die Entertainment mit Gesundheitsinformationen vereinte. Aber die Zahl der Medfluencer ist enorm gestiegen. Und nur weil die Menschen ein Video gratis bei Youtube oder Instagram sehen können, heißt es nicht, dass es nichts kostet! Sie müssen gescriptet, recherchiert, gefilmt und gecuttet werden, vom ganzen Equipment und den Räumlichkeiten ganz zu schweigen. Das schafft man natürlich auch alles nicht alleine, man braucht Mitarbeiter, eine rechtliche und steuerliche Beratung, Agenturen für Design und Marketing, Studiomieten… Ich habe fünfstellige fixe Ausgaben, die ich erstmal verdienen muss, bevor der Gewinn einsetzt.
Aber warum sollten Ärzte überhaupt Social Media machen? Schließlich werden sie doch händeringend in den Praxen und Krankenhäusern gebraucht. Mit diesem Vorwurf werde ich immer wieder konfrontiert. Ich verstehe Social Media vor allem als sinnvolle Ergänzung zu den analog arbeitenden Medizinern. Das Problem ist nämlich, dass im Internet unfassbar viele Falschinformationen kursieren - bei gleichzeitig hohem Anreiz für nicht-Mediziner. Denn als Laie ist es völlig unproblematisch, gesundheitlichen Content zu machen und in diesem Zusammenhang Produkte zu bewerben und mit Kooperationen Geld zu verdienen. Das kann in bewussten Falschaussagen enden, wie wir es in Zeiten von Corona erlebt haben. Es kann aber auch einfach zu wenig evidenzbasiert sein. So kann ein Influencer eine Heldenreise in einem Video inszenieren, wie er die Probleme mit seinem Reizdarm überwunden hat. Dass dies aber nicht auf andere Menschen übertragbar ist und keine wissenschaftliche Grundlage hat, ist den Rezipienten oft egal. Sie glauben es und machen es nach. Warum? Weil sie der Person vertrauen und sich inspiriert fühlen. Der Wert der Information hängt immer von der Person ab, die sie weitergibt.
Und an diesem Punkt muss man doch zu der Ansicht gelangen: Es wäre viel besser, wenn die Informationen von medizinisch ausgebildeten Personen kommen. Eben von Leuten, die es schaffen, unterhaltsamen und kreativen Content zu gestalten und gleichzeitig evidenzbasiertes Wissen zu vermitteln. Dieses Setting kann es in einer Arztpraxis allein schon wegen der Umstände nicht geben. In meinem Studium und in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen habe ich es selbst gesehen: Wenn man den Patienten beispielsweise erklärt, dass sie das Rauchen aufhören müssen, passiert in der Regel gar nichts. Schauen dieselben Personen ein Video von einem Influencer, der gerade geschafft hat, das Rauchen aufzugeben, ist die Motivation viel größer. Es geht nicht nur um Information, sondern Inspiration. Warum sollten Ärzte nicht im Sinne ihrer Patienten die Instrumente von Influencern nutzen? Ich sehe das täglich in meinem Posteingang: Meine Follower oder auch Freunde fragen mich ständig um fachlichen Rat oder wollen sich eine Zweitmeinung einholen - obwohl ich seit 2020 nicht mehr als Arzt mit Patienten zusammenarbeite. Dabei kommuniziere ich immer wieder, dass ich dafür nicht ausreichend fachliche Expertise habe und auch keine individuellen medizinischen Empfehlungen gebe. Aber die Menschen fragen mich, weil sie mir offenbar mehr (zu)trauen als den viel kompetenteren Ärzten vor Ort. Und der Grund ist Social Media.
Ich sehe in den Sozialen Medien eine große Chance, die gesundheitliche Aufklärung in der Gesellschaft voranzubringen und das Gesundheitssystem zu entlasten. Medfluencer können als Multiplikator fundierten Fachwissens die Menschen so aufklären, dass sie seltener in die Praxis gehen müssen, wenn die Informationen so abgebildet sind, dass sie für jeden erreichbar und verständlich sind. Durch Präventionsarbeit werden die Leute seltener krank, durch Informationsvideos entstehen viel weniger Fragen beim Arzt. Das bedeutet nicht, dass das persönliche Arztgespräch ersetzt wird, aber es kann ergänzt werden. Wenn ich meine Arbeit mit der eines Hausarztes vergleiche, dann sieht man, dass mein Hebel viel größer ist: Der Hausarzt ist ja zeitlich limitiert, was die Anzahl seiner Patienten angeht, das bin ich nicht. Ich erreiche jeden Tag Millionen von Menschen mit meinem Content - das ist ein unglaubliches Potenzial für das Gesundheitssystem, wenn man es den Ärzten leichter machen würde, Geld in den Sozialen Medien zu verdienen.
Deshalb bin ich stark dafür, die Regulierungen für Ärzte zu minimieren. Denn wenn sie es nicht machen, setzt sich langfristig der Content von den Leuten durch, die kein Medizin studiert haben. Und jeder kann sich einmal selbst fragen: Wenn ich mein nächstes gesundheitliches Problem google - möchte ich dann ein Video von einem echten Arzt sehen oder von einem Laien? Es kann doch nicht sein, dass eine höhere Bildungsqualifikation der Grund dafür ist, dass du einen negativen Anreiz hast, qualitativ hochwertigen Content zu produzieren. Die komplette gesundheitliche Aufklärung obliegt damit nicht Ärzten, sondern Influencern. Ich denke, das möchte niemand. Also sind Anreize besser als Verbote. Und ja, einer der wichtigsten Anreize ist Geld. Nicht weil man am Ende übermäßig reich sein möchte, sondern weil die Arbeit als Medfluencer etwas kostet. Und jeder Euro, den Mediziner in den Sozialen Medien verdienen, kann in Equipment oder Mitarbeiter reinvestiert werden, den Content noch besser machen und die Leute von der Bildfläche verdrängen, die schlichtweg keine Ahnung von der Materie haben.
Auch der Vorwurf, die Ärzte könnten ihre Neutralität verlieren, wenn sie Werbung machen, halte ich für völlig haltlos. Es hat mich tatsächlich noch nie jemand dafür kritisiert, welche Art von Kooperationen ich mache, sondern immer nur, dass ich sie überhaupt mache. Warum ist es schlecht, wenn ich mit inhaltlich richtigen und gesellschaftlich wertstiftendem Content Geld verdiene? Das Problem ist, dass die Leute oft denken, dass die Information, die man als Arzt weitergibt, schlechter ist, wenn man Geld dafür bekommt. Aber auch Ärzte müssen Geld verdienen, um ihre Arbeit auszuführen und es gibt ja nicht nur Geldanreize in Social Media: Das gesamte Krankensystem ist voller Geldanreize für Ärzte. Es gibt bestimmte Untersuchungen, die schneller oder häufiger durchgeführt werden (gerne auch an Privatpatienten), weil sie eben mehr Geld bringen. Dass Ärzte auf diese Weise Geld verdienen, ist gesellschaftlich akzeptiert - bei Social Media gibt es Störgefühle, obwohl das viel transparenter ist.
Transparent ist es auch im Blick auf die Validität von Informationen und Empfehlungen. Was der Arzt dem Patienten sagt, was er diagnostiziert und welche Behandlungen er empfiehlt (auch solche, die der Patient selbst zahlen muss), das passiert in einem Vieraugengespräch im Arztzimmer. Wenn ich aber eine Empfehlung ausspreche, lesen das Millionen von Menschen und können mich korrigieren oder ihre Meinung dazu äußern. Ein Fehler wird sofort bestraft. Ich bin hin und wieder im Fernsehen und bin erschrocken, dass es nach mir keine Feedbackschleife gibt. Ich könnte alles erzählen und keiner würde es vor der Ausstrahlung hinterfragen. In meiner Arbeit als Medfluencer bin ich gezwungen, ehrlich und transparent zu sein und evidenzbasiert zu arbeiten.
Deshalb lautet mein Appell an alle Ärztinnen und Ärzte und Menschen mit medizinischer Ausbildung: Seid mutig und geht den Weg in die Sozialen Medien - für euch selbst und für den größeren Zweck, dass die Gesundheitsaufklärung bei echten Experten liegt. Gerade in Zeiten von künstlicher Intelligenz ist das besonders wichtig: Denn KI lernt auch aus Social Media. Wir müssen also dafür sorgen, dass dort evidenzbasiertes und wissenschaftlich fundiertes Wissen verbreitet wird.
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