
Bekommen Emotionen zu viel Raum?
Eine kontraintuitive These in einer Zeit, in der sich jede zweite Corporation Mental Health auf die Employer Branding Fahne schreibt und immer häufiger der gut gemeinte Rat ertönt: „Hör einfach auf dein Gefühl.“
Das klingt erstmal warm, menschlich und verantwortungsvoll.
Leider ist es oft auch ein erstaunlich schlechter Entscheidungsmechanismus. Denn wer längere Zeit im Leistungssport oder in einem ähnlich leistungsgetriebenen Umfeld verbracht hat, erkennt schnell, wie trügerisch diese Taktik sein kann, besonders dann, wenn viel auf dem Spiel steht. Meine ersten Jahre im Sport verbrachte ich im russischen Ballett, einer Umgebung, in der Disziplin so selbstverständlich war wie Atmen, und Kinder trainierten, bevor sie überhaupt in ihrer ersten Krabbelgruppe aufgenommen wurden. Man lernte früh, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, sich anzupassen und zu akzeptieren, dass der eigene Körper ein Werkzeug ist, das zu funktionieren hat. Werkzeuge funktionieren allerdings eben nur so lange, wie man sie pflegt. Die Frage nach individueller Gesundheit spielte in diesem Umfeld dennoch eine relativ kleine Rolle. Die interessantere Frage, die unausgesprochen über allem schwebte, lautete eher: Wie viel kann ein Mensch eigentlich aushalten?
Aus externer Perspektive sicherlich eine faszinierende Fragestellung, für die Menschen innerhalb dieses Systems eher eine Lebensrealität. Meine eigene sportliche Laufbahn endete relativ vorzeitig: zu intensive Belastung, zu früh und zu lange. Doch Leistungssysteme funktionieren wie eine Sucht, wer einmal gelernt hat, darin zu leben, verlässt sie selten wirklich, sondern sucht sich meist einfach die nächste Arena. Bei mir wurde es später der Leistungssport im Feldhockey. Auf den ersten Blick wirkte vieles anders, andere Trainer, andere Methoden, eine komplett andere Kultur. Doch unter der Oberfläche blieb die Dynamik erstaunlich vertraut. Offiziell hieß es, man solle auf seinen Körper hören, inoffiziell wurden diejenigen gefördert, die genau das nicht taten. Der Druck entsteht hier eher zwischen den Zeilen: im Konkurrenzkampf um einen Platz im Team, in der Hoffnung auf eine Nominierung oder im Wunsch nach der Bestätigung, dass die Opfer der eigenen Jugend nicht komplett umsonst gewesen sein mögen. Und mit der Zeit verliert man das Gefühl dafür, wo die eigenen Grenzen eigentlich liegen. Die Linie zwischen Belastung und Überlastung verschwimmt, ebenso die zwischen Ehrgeiz und Selbstzerstörung. Genau darin liegt der seltsame Reiz vieler Leistungssysteme: die verführerische Vorstellung, dass menschliche Grenzen verhandelbar sind.
Doch irgendwann führt der Körper seine eigene Verhandlung, und er ist ein erstaunlich kompromissloser Verhandlungspartner. Ich erinnere mich noch genau an das Geräusch, als meine Hamstrings rissen, ein trockenes Schnappen mitten in meiner letzten Deutschen Meisterschaft. Der erste Impuls war nicht Schmerz, sondern aufzustehen und weiterzuspielen. Rational ist das kaum erklärbar und gleichzeitig vollkommen logisch, weil genau dieses Verhalten innerhalb dieses Systems belohnt wird. Viele Entscheidungen unter Druck entstehen nicht aus Vernunft, sondern aus Gefühlen, und ganz besonders aus Angst. Angst, ersetzbar zu sein. Angst, den Anschluss zu verlieren. Angst, den eigenen Wert zu verlieren, wenn Leistung plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist. Was dann gerne als Intuition verstanden wird, ist oft eher ein Gemisch aus Erfahrungen, Erwartungen, Selbstbildern und tief verankerten Glaubenssätzen darüber, wer wir sind und wer wir glauben sein zu müssen. Emotionen treiben uns an und geben Mut, doch sie verzerren auch unsere Wahrnehmung. Genau hier entsteht Raum für etwas, das lange als kühl und unromantisch galt: Daten.
Daten sind nicht perfekt. Sie können falsch gemessen oder interpretiert werden, Artefakte enthalten oder manipuliert werden. Doch sie haben einen entscheidenden Vorteil, denn sie enthalten keine Angst. Vielleicht liegt darin eine der paradoxen Chancen unserer Zeit. Während politische Spannungen wachsen, ökonomische Unsicherheit zunimmt und technologische Entwicklungen immer unüberschaubarer werden, scheint sich vieles vom Menschlichen zu entfernen. Und ausgerechnet in dieser Zeit könnten Daten uns helfen, ein Stück Klarheit zurückzugewinnen, nicht um Emotionen zu ersetzen, sondern um das menschliche Irren gelegentlich zu korrigieren.
Ich hoffe, dass wir Sport datenbasierter steuern, dass medizinische Entscheidungen klarer werden, und wir beginnen, Leistung nicht nur an Willenskraft, sondern vor allem an Wissen zu messen. Und ich hoffe, dass wir mit Somatric dazu einen kleinen Beitrag leisten werden können. Nicht um Menschen zu ersetzen. Sondern um ihnen zu helfen, sich selbst weniger im Weg zu stehen.
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